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Berliner Zeitung, 26.Oktober 2002

Zwischen Promotion und Motivation

Claudia Pechstein kombiniert auf meisterliche Weise Eisschnelllauf mit Event-Hopping

Markus Völker

ERFURT, 30. Oktober. Im neobarocken Foyer eines Erfurter Hotels wird dem Mehrakter "Zickenzoff" eine kleine Fußnote hinzugefügt. Claudia Pechstein hat es sich gerade in einem Sessel bequem gemacht, als Anni Friesinger den Raum betritt, um einzuchecken. Es ist eine Szene wie aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", wo Darsteller mit überzeichneten Gesten teils absurde Dramen inszenieren. Friesinger und Pechstein würdigen sich keines Blickes. Die eine widmet sich angestrengt dem Sitz ihres Schals, die andere stürzt sich in die Beantwortung einer belanglosen Frage.

Mit Kanzler oder Bobby-Car

"Da gibt es welche, zu denen hat man ein positives Verhältnis", steht passend dazu auf Pechsteins Internetseite, "dann gibt es welche, zu denen hat man ein negatives Verhältnis. Und dann gibt es welche, zu denen hat man gar kein Verhältnis." Friesinger, Pechsteins Widerpart im Rührstück "Zickenzoff", gehört offenbar zur letzten Kategorie. Man kann beiden nur wünschen, dass die Wände im Hotel, das sie vor den deutschen Einzelstrecken-Meisterschaften bewohnen, dick genug sind, damit es nicht zur Neuauflage der WG-Posse des Olympischen Dorfs von Salt Lake City kommt: Von Geräuschterror und Halluzinationen war damals die Rede.

"Das Duell hat schon eine wichtige Rolle gespielt", sagt Pechstein, als Friesinger im Lift verschwunden ist. "Das war für den Eisschnelllauf in Deutschland förderlich, auch für die Personen Friesinger und Pechstein." Natürlich, es sei auch viel Unsinn geschrieben worden. Aber die Inszenierung, die anscheinend so gelungen war, dass Pechstein versichern muss, man habe "keine Strategie verfolgt", trug ihren Sport in eine breite Öffentlichkeit. Die Protagonisten wurden prominent. Eisschnelllauf rückte, einer Markterhebung zufolge, auf Platz drei der Liste beliebtester Wintersportarten vor; nur Skispringen und Biathlon erregen mehr Interesse.

"Ich komme mit meiner Rolle, die ich in den Medien spiele, sehr gut klar", sagt Pechstein. Sie fühle sich sogar ausgesprochen wohl. Nach den Tagen von Salt Lake City, wo sie über 3 000 und 5 000 Meter Olympiagold gewann, wurde sie anders wahrgenommen. "Claudi", wie sie selbst sich nennt, hatte ihr mediales Coming-out - das feierte sie dann auch ausgiebig. Sie schien allerorten präsent zu sein. Zeigte sich mit Kanzler Schröder und Innenminister Schily. Gab den Startschuss bei Radrennen. Tanzte sich durch Bälle. Saß in Jurys, die Haarschnitte begutachteten. Lenkte freudestrahlend Bobby-Cars. War dabei, als Oliver Kahn WM-Zweiter wurde. Preise purzelten auf sie herab, darunter das "Goldene Rückgrat" und der "Personality Preis". Das habe ihr alles "riesig Spaß gemacht", sagt die 30-Jährige, "obwohl es doch viele, viele, viele Termine waren." Sie hat kaum irgendwo abgesagt und wenn es ging, den Besuch auf einer Tourismus-Messe zwischen zwei Trainingseinheiten gequetscht.

Erfolg und Medienpräsenz haben sich ausgezahlt. Nach Angaben ihres Manager Ralf Grengel verdoppelte Pechstein ihre Einnahmen. Das gestiegene Interesse der Sponsoren führte die Rivalinnen sogar in einem Streitfall mit der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft zusammen: Im Zweck vereint, erstritten Pechstein und Friesinger das Recht, je ein Logo mehr auf ihrem Rennanzug in Eigenregie zu vermarkten. Geregelt wurde die Angelegenheit jedoch von Management und Anwälten der Läuferinnen. "Ich selbst habe mich mit Anni nicht ausgetauscht", sagt Pechstein.

Die Form habe ob des Rechtsstreit nicht gelitten, und schon gar nicht wegen des Event-Hoppings: "Das Training habe ich immer in den Vordergrund gestellt." Die erste 3 000-Meter-Zeit unter Wettkampfbedingungen (4:12 Minuten) ist trotz eines leichten Grippeinfekts nur eine Sekunde langsamer als im Vorjahr. Sie habe das Training ohnehin nicht schleifen lassen können: Allein die Vorstellung, die anderen nützten ihren mangelnden Trainingseifer aus, habe sie angestachelt - "das ist halt bei mir so, selbst nach vierzehn Jahren Hochleistungssport". Ihr Trainer Achim Franke musste sie nicht erst zur Vernunft bringen, damit sie das Maß zwischen Promotion und Motivation findet: "Sie ist immer fokusiert geblieben." Es gehe ihr in dieser Saison "irgendwie um das I-Tüpfelchen".

Am Freitag startet sie in Erfurt über 3 000 Meter. Danach will sie entscheiden, ob die Kraft noch reicht für die 1 500-Meter-Strecke. "Ehrgeizig bin ich immer noch", sagt Claudia Pechstein, "und das will ich auch bleiben." Bis 2006 zu den Winterspielen in Turin soll dieser Ehrgeiz reichen. Mit Hilfe von Anni Friesinger dürfte das klappen.

Letzte Aktualisierung:
25.11.2009

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