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Berliner Morgenpost, 2. November 2002

Wandel durch Wertschätzung

Seit die Leistungen Claudia Pechsteins mehr anerkannt werden, ist die Berliner Eisschnelllauf-Olympiasiegerin rundum zufrieden
Von Sebastian Arlt

Dass Claudia Pechstein gut drauf ist, verraten schon Mimik und Körpersprache. Locker lehnt sie an einer Bank, selbst Fragen, bei denen sie früher das Gesicht verzogen hätte, weil sie keine Lust hatte, darauf etwas zu sagen, kontert sie jetzt mit einem Lächeln - und einer verbindlichen Antwort. Die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin ist rundum zufrieden.
Über Joachim Franke, der sie seit mehr als zehn Jahren trainiert, hat die Berlinerin einmal gesagt: «Er kennt mich wahrscheinlich besser, als ich mich selbst kenne.» Und Franke (62) hat geschwärmt, wie locker Pechstein sei und wie gut ihr die große Anerkennung getan habe. Der Mann muss es wissen. Wenn Claudia Pechstein von den vergangenen Monaten erzählt, strahlt sie und sagt: «Ich habe sehr viel Spaß gehabt.»
Zwei Goldmedaillen hat die 30-Jährige bei den Olympischen Winterspielen im Februar 2002 geholt, zur erfolgreichsten deutschen Wintersportlerin überhaupt bei Olympia ist sie aufgestiegen. Danach begann eine Zeit fast wie im Traum: Ehrungen, Einladungen, Sponsorenverträge. «Es waren viele Termine», berichtet sie, «aber es war alles so schön.»
Wohl auch deshalb, weil sie sehr lange auf die wirklich große Anerkennung hat warten müssen. Absolute Weltklasse war Pechstein schon seit Jahren. 1994 und 1998 hatte sie bereits olympisches Gold gewonnen. «Danach war ich schon enttäuscht, wie wenig passierte», gibt sie heute zu. Medien und Sponsoren zeigten nicht das erhoffte Interesse. Mehrere Male wechselte sie das Management. «Na ja, ich habe mir dann gedacht, das ist eben so, weil du Eisschnelllauf machst.» Den Medien trat Pechstein in dieser Zeit manchmal eher genervt entgegen. Es schien ihr mehr Last als Lust zu sein, über sich Auskunft zu geben. Inzwischen sagt sie: «Ich habe da kein Problem. Der Sport lebt doch von den Medien.»
In den 90er-Jahren stand sie zudem lange im Schatten der übermächtigen Gunda Niemann-Stirnemann. «Aber», so schiebt Claudia Pechstein schnell nach, «auch damals ging es mir nicht schlecht.» Doch jetzt gehts deutlich besser. Da war der Goldrausch von Salt Lake City, und letztlich wurde sie auch sportliche Siegerin im Duell mit Anni Friesinger, ihrer großen Konkurrentin. Der Zoff zwischen den beiden hat keiner geschadet. «Sie geht ihren Weg, ich gehe meinen.»
Am Donnerstag wurde gemeldet, dass Pechstein bis zu den Olympischen Spielen 2006 in Turin einen Werbevertrag mit Audi abgeschlossen hat. Die Berlinerin ist gefragt. «Es hat sich viel getan, aber ich habe dafür auch hart arbeiten müssen.» Sind Sie jetzt reich, Frau Pechstein? «Ich hatte auch schon vorher ein schönes Haus, aber einen goldenen Zaun mache ich mir da jetzt nicht drum», antwortet sie lächelnd. Überhaupt sei reich doch «relativ». Sie lebe nicht über ihre Verhältnisse. Und: «Über Geld redet man sowieso nicht, das hat man - oder man hat es nicht.»
Aber sie redet über ihre Gefühle. Zum Beispiel, dass sie jetzt zum Saisonstart bei den deutschen Meisterschaften in Erfurt kein besonderes Kribbeln verspüre. «Da habe ich inzwischen doch zu viel Routine.» Obwohl sie weiß: «Jetzt schauen alle besonders auf mich und fragen sich: Was hat sie drauf?» Denn später als gewohnt ist sie ins Training eingestiegen. Vorher stand Genießen auf dem Plan. «Wenn ich die ganzen Termine nicht wahrgenommen hätte, wäre ich doch schön blöd gewesen.»
Bis 2006 will sie weiterlaufen und hofft, dass auch Trainer Franke mitzieht, über dessen Rücktritt zum Saisonende gemunkelt wird. Doch das Wichtigste sei, «dass ich gesund und glücklich bleibe. Denn Glück kann man sich nicht kaufen.» Natürlich möchte sie einmal Kinder haben. «Aber hier und heute mache ich mir keine Gedanken darüber - und mein Mann auch nicht.»
Gunda Niemann-Stirnemann ist bereits Mutter und will im nächsten Jahr - dann im Alter von 37 Jahren - auf die Eisbahn zurückkehren. «Ich würde das nicht schlimm finden», sagt Claudia Pechstein, «das wäre dann noch eine Bereicherung für das Duell mit Anni.» Ob sie wirklich glaube, dass «Gold-Gunda» sich noch einmal aufs Eisoval wagen wird? «Ehrlich gesagt, nein. Aber man muss im Leben immer mit einer Überraschung rechnen.»

Letzte Aktualisierung:
25.11.2009

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