Olympia 2010 ist ein schönes Ziel
Diensdorf, 11. Februar 2008. Wie heißt es immer so schön: Erstmal eine Nacht drüber schlafen. Das habe ich jetzt gemacht. Und nach dem Aufstehen sehe ich vieles klarer.
Erstens habe ich keine Lust mehr, mir ständig Fragen anzuhören, ob ich am Ende der Saison zurücktrete und zweitens möchte ich mich zukünftig nicht mehr dafür rechtfertigen müssen, auch nach 17 Jahren meinen Sport immer noch mit Freude und Spaß auszuüben.
Von daher verkünde ich hier und jetzt: Ich möchte meine Karriere bis 2010 fortsetzen und werde versuchen, mich für die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver zu qualifizieren. Es wäre meine sechste Olympiateilnahme und ich kann mir keinen schöneren Moment für das Ende meiner sportlichen Karriere vorstellen, als das Flair eines olympischen Rennens. Warum also sollte ich darauf verzichten, wenn es möglich wäre, meinen Abschied so gestalten zu können?
Mit dieser frühzeitigen Entscheidung erspare ich den Journalisten, Trainern, Funktionären und auch mir für die nächsten Wochen, Monate und auch (zwei) Jahre viele Worte, Zeit und zusätzliche Arbeit.
Hätte mir lieber auf die Zunge gebissen!
Ich habe in meinen Leben sicherlich nicht gerade wenige Interviews gegeben, selten habe ich etwas von dem bereut, was ich gesagt habe. Während des zurückliegenden WM-Wochenendes in Berlin habe ich allerdings bereut wie noch nie zuvor. Und zwar meine Worte gegenüber Lars Dobbertin, dem ich zu Beginn der Saison erzählte, dass ich zurücktreten werde, wenn ich in dieser Saison keine WM-Medaille holen würde. Dann habe ich ihn sogar noch gebeten, das auch wirklich in der nächsten Ausgabe von Sportbild zu schreiben und nicht etwa unter den Tisch fallen zu lassen. Warum? Ganz einfach: Weil ich dies zu diesem Zeitpunkt genau so empfunden habe!
Vor knapp fünf Monaten hatte ich eine Vorbereitung hinter mir, die einschneidend anders war als alle anderen zuvor. Neue Trainingsgruppe, neuer Trainer und ein neues Land. Gestandene Männer von zum Teil internationaler Klasse statt vorwiegend deutscher Junioren, die noch den Anschluss an die nationale Spitze suchen. Der „verrückte Ami“ Peter Mueller statt meines Mentors Joachim Franke. Und letztlich das fremde Norwegen statt des heimischen Deutschlands. Da konnte ich mir nur vorstellen, weiter zu machen, wenn mit diesen neuen Bedingungen auch die sportliche Entwicklung einhergehen würden.
Schließlich hatte ich nach dem Ende der vergangenen Saison mit diesem Wechsel aus der Not eine Tugend gemacht. Nach dem Rücktritt meines Erfolgscoachs Joachim Franke und der Kapitulation des Verbandes, der einräumte, mir kein geeignetes Trainingsumfeld gestalten zu können, blieb nur der Weg ins Ausland. Ein Schritt, mit dem ich neue Reize schaffen wollte. Klar, dass man diese Reize auch gerne in sportliche Erfolge ummünzen möchte. Ansonsten könnte man schnell das Gefühl bekommen, dass alle Anstrengungen umsonst gewesen sind. Aus diesem Gefühl heraus, habe ich das damalige Interview mit Lars Dobbertin geführt, mein Saisonziel formuliert und in direkten Zusammenhang mit der Fortsetzung meiner Karriere gestellt. Wenn ich geahnt hätte, welche Zuspitzung das Ganze zum Ende der Saison erfährt, hätte ich mir lieber auf die Zunge gebissen. Auch wenn ich es damals genau so gemeint habe, wie ich es formulierte. Doch mittlerweile mache ich die Fortsetzung meiner Laufbahn nicht mehr alleine am sportlichen Erfolg fest. Ich habe ein anderes Land kennengelernt, andere Sitten und Bräuche. Ich habe mein Englisch verbessert und kann auch ein paar Worte norwegisch sprechen. Ich habe neue Freunde gewonnen und bin ein akzeptiertes und respektiertes Teammitglied einer Trainingsgruppe, die mit Biss, Leidenschaft und Spaß bei der Sache ist.