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3. Unterschiedliche MesswerteHier möchte ich zunächst auf ein Referat des ISU-Mediziners Harm Kuipers hinweisen, das mir komplett vorliegt. Auf der Titelseite wird ganz klar ersichtlich, worum es in diesem Referat geht.
Dieses Referat hat Kuipers sozusagen als Anleitung für den internen ISU-Gebrauch erstellt. Unter dem Titel „ISU blood testing programm“ ist z.B. genau festgehalten, was zu tun ist, wenn die ISU eine 18-tägige Schutzsperre für einen Athleten ausspricht.
Übersetzt steht da: Während einer 18-tägigen Suspendierung out-of-competition Urin und Bluttest. Ich wurde nach der erhöhten Retikulozytenmessung von Hamar nicht nur vorläufig suspendiert, gegen mich hat man sofort ein Dopingverfahren eingeleitet. Da frage ich mich allerdings, warum ich in der 18-tägigen Frist nach Hamar an nur einem einzigen Tag (18.2.) getestet wurde? Müsste bei einem vermeintlich schwerwiegenderen Verstoß nicht auch noch akribischer getestet werden, um einen nur auf Indizien gestützen Verdacht erhärten zu können?
Der erste Wert (1,37 Prozent) wurde aus der Probe vom 18. Februar ermittelt und von der ISU noch öffentlich gemacht. Der zweite Wert (2,23 Prozent) gehört zu meiner Blutprobe, die acht Tage später genommen wurde. Das heißt, mein Retikulozytenwert ist (korrekte Messung vorausgesetzt) innerhalb von nur einer Woche um 0,86 Prozent angestiegen und bis auf 0,17 Prozent an den Grenzwert der ISU herangerückt. Und das ohne Doping. Ist es bei einer solchen Steigerung innerhalb weniger Tage legitim von einem braven, unauffälligen Wert zu sprechen? Gleiche Frage möchte ich bzgl. meiner Blutprobe vom 15. April stellen. Denn hier wird das gesamte Dilemma der ISU überdeutlich. Und zwar deshalb, weil der Verband mein Blut von diesem Tag in zwei verschiedenen Laboratorien mit zwei verschiedenen Gerätetypen hat messen lassen. Der in Lausanne gemessene Wert lautete 1,32, der in Kreischa ermittelte Wert betrug 2,4 Prozent. Während in Lausanne also tatsächlich ein braver, normaler Wert gemessen wurde, erreichte die Retikulozytenzählung in Kreischa erneut den ISU-Grenzwert und somit wäre ich laut dieser Messung erneut verdächtig auf Epo. Wie passt das zusammen? Zunächst möchte ich die Reaktion der ISU dazu deutlich machen. Da wäre als erstes eine Mail vom ISU-Justiziar Gerhardt Bubnik an meinen Anwalt Simon Bergmann.
Übersetzt heißt es an der entscheidenden Stelle: Eine Zweitprobe von Frau Pechstein, die am 15. April genommen wurde, wurde auch in einem Labor in Lausanne untersucht und die Reti.-Werte waren ziemlich unterschiedlich, nämlich viel geringer wie man oben sehen kann. Das Lausanne-Labor verwendet eine Sysmex-Maschine, aber das erklärt nicht den großen Unterschied, da der normale Unterschied nicht mehr als 0,1 - 0,2% beträgt. "Es ist merkwürdig, dass bei der Auswertung einer Probe in zwei Labors so unterschiedliche Werte herauskommen. Ich habe schon versucht, mich kundig zu machen, warum in Kreischa und Lausanne solche Differenzen ermittelt wurden. Ich kann mir nur vorstellen, dass es mit der Eichung des Geräts in Kreischa oder einer falschen Kühlung der Probe zusammenhängt." Jetzt stellt sich auch schon die nächste Frage: Warum stellt Harm Kuipers plötzlich die advia 120 in Frage? Aus meiner Sicht gibt es da nur eine logische Erklärung: Weil die Süddeutsche Zeitung ja bereits drei Tage bevor mir diese Werte überhaupt bekannt wurden, berichtet hatte, sie habe nach ISU-Informationen erfahren, alle meine Werte nach der WM seien brav und normal. Da meine Proben - wie alle anderen zuvor auch selbstredend frei von Dopingmitteln waren, stellt Kuipers also plötzlich die vertraute ISU-Maschine samt hohen Retikulozytenwert in Frage. Getreu dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Doch was sich weder Kuipers noch Bubnik erklären können, ist dann in einigen Medien im Anschluss an meine Pressekonferenz schon keine Besonderheit mehr. Hierzu möchte ich den Onlinedienst sueddeutsche.de zitieren. Denn dieser schrieb am 8. August 2009: Die ISU lässt alle Blutproben von einer Maschine namens Advia untersuchen. Das Labor in Lausanne besitzt jedoch kein Advia-Gerät, musste also auf dem Konkurrenzmodell Sysmex testen. Und dann fügt sueddeutsche.de folgendes Zitat von Detlef Thieme (Laborleiter in Kreischa) an: „Sysmex-Werte sind aber immer niedriger, da werden Äpfel mit Birnen verglichen.“ Nun gibt es aus meiner Sicht zwei Möglichkeiten, wie man mit diesen Äpfel-Birnen-Vergleich umgehen kann: 1. Wenn man sich dieser Argumentation anschließt, dann bedeutet dies aber im Umkehrschluss nichts anderes, als dass Prof. Harm Kuipers und die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 20. Juli 2009 eben diese Äpfel (advia-Werte) mit Birnen (Sysmexwerte) verglichen haben. Wie sonst hätte man zu der Annahme kommen können, alle meine Werte nach Hamar seien brav und verräterisch normal? Denn mein braver Wert (1,32) vom 15.4. war eine Birne (Sysmex) und keinesfalls wie alle anderen zuvor ein Apfel (advia)! Ich erspare mir an dieser Stelle weitere Kommentare, da es wohl für sich spricht, wie der Onlinedienst der Süddeutschen (und leider auch andere Medien, die den Äpfel-und-Birnen-Vergleich nicht richtig einzuordnen wissen) hier agiert! 2. Wenn man sich dieser Argumentation nicht anschließt, dann muss die Frage erlaubt sein, welches Labor mit welcher Maschine kann eigentlich exakt den tatsächlichen Retikulozytenwert im menschlichen Blut bestimmen? Denn die beiden auf der Sysmex bzw. auf der advia parallel gemessenen Werte unterscheiden sich im Verhältnis zueinander um nicht weniger als 81,8 Prozent! Wie entscheidend es also sein kann, auf welcher Maschine, in welcher Stadt und in welchem Labor gemessen wird, wird erst recht deutlich, wenn wir den Wert vom Hamar, der letztendlich Auslöser für meine 2-jährige Sperre war, um 81,8 Prozent reduzieren würden was ja anhand der von der ISU gelieferten Daten durchaus möglich wäre. Wenn dieser Wert also nicht in Hamar, sondern in Lausanne und nicht auf einer advia 120, sondern auf einer Sysmex-Maschine gemessen worden wäre - dann hätte dieser Wert nicht 3,5, sondern möglicherweise nur 1,92 betragen. Er wäre nicht einmal in die Nähe des Grenzwertes von 2,4 gelangt. Und es würde überhaupt keinen so genannten Fall Pechstein geben. Selbst der höchste jemals von mir gemessene Wert von 3,75 aus dem November 2007, ermittelt in Calgary, hätte möglicherweise an einem anderen Ort, in einem anderen Labor, gemessen mit einer anderen Maschine einen Wert von 2,06 ergeben. Und hätte also auch deutlich unter dem ISU-Grenzwert gelegen. Wenn man jetzt berücksichtigt, dass meine erhöht gemesssenen Retikulozyten als einziger Parameter, als einziges Indiz für die Beweisführung der Anklage herhalten müssen. Dass es weder Logistik noch Hintermänner, Zeugen, Kliniken, Spritzen, Blutbeutel oder sonstiges belastendes Material gibt (wie auch?, ich habe schließlich nicht gedopt!). Wenn man dies alles bedenkt, zu welcher Beurteilung des Falls kommt man dann? Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass bis zur ISU-Anhörung am 29./30. Juni in Bern noch zwei weitere Werte von mir ermittelt wurden. Die von der ISU entnommene Probe vom 30.4. ergab in Palma de Mallorca, gemessen auf einer advia 120, ein Ergebnis von 1,48 Prozent. Eine Probe, die ich kurz vor der Verhandlung, am 23. Juni, selbst veranlasst habe, brachte in einem DRK-Klinikum ein Resultat von 2,45 Prozent. Gemessen übrigens auf einer CellDynn 3200, also einem weiteren Gerätetyp, der für sich eine korrekte Retikulozytenzählung in Anspruch nimmt. Drei Gerätetypen, sehr schwankende Werte. Dass darüber mancher Laie staunt und sich der eine oder andere Experte wundert, ist durchaus nachvollziehbar. Allerdings nur so lange, bis man sich aussagekräftige Statistiken zum Thema Retikulozytenzählung angeschaut hat. Und die gibt’s hier: |
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