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3. Unterschiedliche Messwerte

Hier möchte ich zunächst auf ein Referat des ISU-Mediziners Harm Kuipers hinweisen, das mir komplett vorliegt. Auf der Titelseite wird ganz klar ersichtlich, worum es in diesem Referat geht.

Dieses Referat hat Kuipers sozusagen als Anleitung für den internen ISU-Gebrauch erstellt. Unter dem Titel „ISU blood testing programm“ ist z.B. genau festgehalten, was zu tun ist, wenn die ISU eine 18-tägige Schutzsperre für einen Athleten ausspricht.

Übersetzt steht da: Während einer 18-tägigen Suspendierung out-of-competition Urin und Bluttest. Ich wurde nach der erhöhten Retikulozytenmessung von Hamar nicht nur vorläufig suspendiert, gegen mich hat man sofort ein Dopingverfahren eingeleitet. Da frage ich mich allerdings, warum ich in der 18-tägigen Frist nach Hamar an nur einem einzigen Tag (18.2.) getestet wurde? Müsste bei einem vermeintlich schwerwiegenderen Verstoß nicht auch noch akribischer getestet werden, um einen nur auf Indizien gestützen Verdacht erhärten zu können?
Auch nach dieser 18-Tagefrist, hat sich die ISU nicht besonders engagiert gezeigt. Bis zur Zustellung der Klageschrift am 5. März bekam ich lediglich ein weiteres Mal Besuch von den Kontrolleuren (26. Februar). Im weiteren Verlauf, bis zur Anhörung am 29./30. Juni vor dem ISU-Gericht kamen dann noch zwei weitere Tage (15. Und 30. April) hinzu. Obwohl die Ergebnisse meiner Proben bereits vorlagen, spielten sie dann aber im Rahmen der Anhörung keine Rolle, die Ergebnisse wurden mir noch nicht einmal mitgeteilt. Allerdings durfte ich nach meiner Verurteilung dann aus den Medien erfahren, dass mich die Testergebnisse angeblich zusätzlich belasten sollen.

So vermeldete die Süddeutsche Zeitung am 20. Juli 2009 unter der Überschrift „Verräterische Normalität“ exklusiv, dass nach ISU-Quellen sämtliche nach dem 7. Februar in Hamar gemessen Retikulozytenwerte von mir unauffällig seien: „Gespannt registrierten Weltverband und Fahnder, dass bei mindestens zwei, drei weiteren Bluttests der seit 5. März angeklagten Athletin immer brave Werte auftraten.“ Brave, normale Werte, die als ein weiteres belastendes Indiz für meine Schuld gewertet wurden. Denn da in sämtlichen Proben erneut keine verbotenen Substanzen gefunden wurden, ging man davon aus, dass nun genau das geschehen sei, was nach Ansicht der Dopingjäger hätte passieren müssen: Das Einpendeln der Werte auf niedrigem Niveau. Klingt logisch, passt auch voll ins Täterprofil, entspricht allerdings nicht der Wahrheit! Auf der folgenden Grafik sind sechs Werte eingearbeitet, die von mir zwischen Hamar und der Anhörung vor dem ISU-Gericht gemessen wurden.

Der erste Wert (1,37 Prozent) wurde aus der Probe vom 18. Februar ermittelt und von der ISU noch öffentlich gemacht. Der zweite Wert (2,23 Prozent) gehört zu meiner Blutprobe, die acht Tage später genommen wurde. Das heißt, mein Retikulozytenwert ist (korrekte Messung vorausgesetzt) innerhalb von nur einer Woche um 0,86 Prozent angestiegen und bis auf 0,17 Prozent an den Grenzwert der ISU herangerückt. Und das ohne Doping. Ist es bei einer solchen Steigerung innerhalb weniger Tage legitim von einem braven, unauffälligen Wert zu sprechen? Gleiche Frage möchte ich bzgl. meiner Blutprobe vom 15. April stellen. Denn hier wird das gesamte Dilemma der ISU überdeutlich. Und zwar deshalb, weil der Verband mein Blut von diesem Tag in zwei verschiedenen Laboratorien mit zwei verschiedenen Gerätetypen hat messen lassen. Der in Lausanne gemessene Wert lautete 1,32, der in Kreischa ermittelte Wert betrug 2,4 Prozent. Während in Lausanne also tatsächlich ein braver, normaler Wert gemessen wurde, erreichte die Retikulozytenzählung in Kreischa erneut den ISU-Grenzwert und somit wäre ich laut dieser Messung erneut verdächtig auf Epo. Wie passt das zusammen? Zunächst möchte ich die Reaktion der ISU dazu deutlich machen.

Da wäre als erstes eine Mail vom ISU-Justiziar Gerhardt Bubnik an meinen Anwalt Simon Bergmann.

Übersetzt heißt es an der entscheidenden Stelle: Eine Zweitprobe von Frau Pechstein, die am 15. April genommen wurde, wurde auch in einem Labor in Lausanne untersucht und die Reti.-Werte waren ziemlich unterschiedlich, nämlich viel geringer wie man oben sehen kann. Das Lausanne-Labor verwendet eine Sysmex-Maschine, aber das erklärt nicht den großen Unterschied, da der normale Unterschied nicht mehr als 0,1 - 0,2% beträgt.
Hierzu gilt aus meiner Sicht festzuhalten, dass der Herr Bubnik scheinbar keine Ahnung davon hat, dass es statistische Studien darüber gibt, die sehr wohl deutlich höhere Abweichungen als 0,1 oder 0,2 Prozent zwischen verschiedenen Gerätetypen erbracht haben (siehe Link: 4. Statistische Messschwankungen). Im Übrigen sollte ich nicht unerwähnt lassen, dass Herr Bubnik die Mail am 23. Juli versandt hat. Das heißt, ich habe erst drei (!) Monate nach dem Test vom 15. April erfahren, dass es bei der Untersuchung meines Blutes vom selben Tag zwei völlig unterschiedliche Ergebnisse gegeben hat. Im Verfahren hat die Anklage diese Ergebnisse nicht vorgetragen! Wie hätte das ISU-Schiedsgericht entschieden, wenn den drei Richtern diese Zahlen bekannt gewesen wären?
Doch Prof. Harm Kuipers hatte diese Messwerte meiner Meinung nach bewußt unterschlagen, weil er sich dessen Tragweite wohl durchaus bewusst war und sie sich zudem selbst nicht erklären kann, wie der Auszug aus einer dpa-Meldung nach Bekanntwerden der Werte belegt:

"Es ist merkwürdig, dass bei der Auswertung einer Probe in zwei Labors so unterschiedliche Werte herauskommen. Ich habe schon versucht, mich kundig zu machen, warum in Kreischa und Lausanne solche Differenzen ermittelt wurden. Ich kann mir nur vorstellen, dass es mit der Eichung des Geräts in Kreischa oder einer falschen Kühlung der Probe zusammenhängt."

Besonders interessant an dieser Aussage ist Folgendes: Harm Kuipers stellt nicht etwa die Messung in Lausanne in Frage, sondern die in Kreischa, die auf einer advia 120 ermittelt wurde. Also mit jenem Gerät, mit dem die ISU alle ihre vorherigen Messungen vergenommen hat und unter deren Zuhilfenahme die Anklage letztlich meine Sperre erwirkt hat, weil dieses Gerät ja – laut ISU-Aussage – angeblich keine falschen Daten liefern kann. Solche Fehler hatte die Anklage ja kategorisch ausgeschlossen (siehe Link: 1. Die Ausgangslage).

Jetzt stellt sich auch schon die nächste Frage: Warum stellt Harm Kuipers plötzlich die advia 120 in Frage? Aus meiner Sicht gibt es da nur eine logische Erklärung: Weil die Süddeutsche Zeitung ja bereits drei Tage bevor mir diese Werte überhaupt bekannt wurden, berichtet hatte, sie habe nach ISU-Informationen erfahren, alle meine Werte nach der WM seien brav und normal. Da meine Proben - – wie alle anderen zuvor auch – selbstredend frei von Dopingmitteln waren, stellt Kuipers also plötzlich die vertraute ISU-Maschine samt hohen Retikulozytenwert in Frage. Getreu dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass er hilfsweise, für den Fall, dass das Labor in Kreisha nachweisen kann (wovon auszugehen ist), dass die advia 120 dort korrekt kalibriert war, die Argumente meiner Verteidigung übernimmt, um den hohen Wert zu begründen. Denn im Verfahren hatte mein Anwalt Simon Bergmann als eine mögliche Erklärung für die erhöht gemessenen Werte auch eine eventuelle falsche Kühlung der Proben ins Feld geführt. Doch diese Möglichkeit wurde von der ISU-Anklage, wie alle anderen auch (abgesehen von Doping oder einer Blutkrankheit), kategorisch ausgeschlossen. Jetzt, als Kuipers plötzlich selbst eine hohe Messung erklären muss, hält er es auf einmal doch für möglich, dass dies mit einer falschen Kühlung der Probe zusammenhängt. Was soll man dazu noch sagen? Ich hätte es jedenfalls nie für möglich gehalten, dass eine hohe Retikulozytenmessung in meinem Blut die Anklage in solche Erklärungsnot bringen kann.

Doch was sich weder Kuipers noch Bubnik erklären können, ist dann in einigen Medien im Anschluss an meine Pressekonferenz schon keine Besonderheit mehr. Hierzu möchte ich den Onlinedienst sueddeutsche.de zitieren. Denn dieser schrieb am 8. August 2009: Die ISU lässt alle Blutproben von einer Maschine namens Advia untersuchen. Das Labor in Lausanne besitzt jedoch kein Advia-Gerät, musste also auf dem Konkurrenzmodell Sysmex testen. Und dann fügt sueddeutsche.de folgendes Zitat von Detlef Thieme (Laborleiter in Kreischa) an: „Sysmex-Werte sind aber immer niedriger, da werden Äpfel mit Birnen verglichen.“

Nun gibt es aus meiner Sicht zwei Möglichkeiten, wie man mit diesen Äpfel-Birnen-Vergleich umgehen kann:

1. Wenn man sich dieser Argumentation anschließt, dann bedeutet dies aber im Umkehrschluss nichts anderes, als dass Prof. Harm Kuipers und die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 20. Juli 2009 eben diese Äpfel (advia-Werte) mit Birnen (Sysmexwerte) verglichen haben. Wie sonst hätte man zu der Annahme kommen können, alle meine Werte nach Hamar seien brav und verräterisch normal? Denn mein braver Wert (1,32) vom 15.4. war eine Birne (Sysmex) und keinesfalls wie alle anderen zuvor ein Apfel (advia)! Ich erspare mir an dieser Stelle weitere Kommentare, da es wohl für sich spricht, wie der Onlinedienst der Süddeutschen (und leider auch andere Medien, die den Äpfel-und-Birnen-Vergleich nicht richtig einzuordnen wissen) hier agiert!

2. Wenn man sich dieser Argumentation nicht anschließt, dann muss die Frage erlaubt sein, welches Labor mit welcher Maschine kann eigentlich exakt den tatsächlichen Retikulozytenwert im menschlichen Blut bestimmen? Denn die beiden auf der Sysmex bzw. auf der advia parallel gemessenen Werte unterscheiden sich im Verhältnis zueinander um nicht weniger als 81,8 Prozent! Wie entscheidend es also sein kann, auf welcher Maschine, in welcher Stadt und in welchem Labor gemessen wird, wird erst recht deutlich, wenn wir den Wert vom Hamar, der letztendlich Auslöser für meine 2-jährige Sperre war, um 81,8 Prozent reduzieren würden – was ja anhand der von der ISU gelieferten Daten durchaus möglich wäre. Wenn dieser Wert also nicht in Hamar, sondern in Lausanne und nicht auf einer advia 120, sondern auf einer Sysmex-Maschine gemessen worden wäre - dann hätte dieser Wert nicht 3,5, sondern möglicherweise nur 1,92 betragen. Er wäre nicht einmal in die Nähe des Grenzwertes von 2,4 gelangt. Und es würde überhaupt keinen so genannten Fall Pechstein geben. Selbst der höchste jemals von mir gemessene Wert von 3,75 aus dem November 2007, ermittelt in Calgary, hätte möglicherweise an einem anderen Ort, in einem anderen Labor, gemessen mit einer anderen Maschine einen Wert von 2,06 ergeben. Und hätte also auch deutlich unter dem ISU-Grenzwert gelegen.

Wenn man jetzt berücksichtigt, dass meine erhöht gemesssenen Retikulozyten als einziger Parameter, als einziges Indiz für die Beweisführung der Anklage herhalten müssen. Dass es weder Logistik noch Hintermänner, Zeugen, Kliniken, Spritzen, Blutbeutel oder sonstiges belastendes Material gibt (wie auch?, ich habe schließlich nicht gedopt!). Wenn man dies alles bedenkt, zu welcher Beurteilung des Falls kommt man dann?

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass bis zur ISU-Anhörung am 29./30. Juni in Bern noch zwei weitere Werte von mir ermittelt wurden. Die von der ISU entnommene Probe vom 30.4. ergab in Palma de Mallorca, gemessen auf einer advia 120, ein Ergebnis von 1,48 Prozent. Eine Probe, die ich kurz vor der Verhandlung, am 23. Juni, selbst veranlasst habe, brachte in einem DRK-Klinikum ein Resultat von 2,45 Prozent. Gemessen übrigens auf einer CellDynn 3200, also einem weiteren Gerätetyp, der für sich eine korrekte Retikulozytenzählung in Anspruch nimmt.

Drei Gerätetypen, sehr schwankende Werte. Dass darüber mancher Laie staunt und sich der eine oder andere Experte wundert, ist durchaus nachvollziehbar. Allerdings nur so lange, bis man sich aussagekräftige Statistiken zum Thema Retikulozytenzählung angeschaut hat. Und die gibt’s hier:
4. Statistische Messchwankungen.

Letzte Aktualisierung:
25.11.2009

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