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Update: 10. Juni 2010

Die Indizien der ISU:
Von Legenden und Wahrheiten!

Zunächst einmal herzlichen Dank für die zahlreichen Unterschriften, die mittlerweile über die Webseite www.meineunterschrift.com eingegangen sind und deren Absender von DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach somit fordern, er solle sich für die Wiederaufnahme meines Verfahrens einsetzen.

Im Folgenden möchte ich gerne, wie von mir hier am 19. Mai 2010 angekündigt, auf die ISU-Vorwürfe eingehen, die der Weltverband ein Tag zuvor, also am 18. Mai mit Hilfe einer mehrseitige Presseinformation gegen mich erhoben hat. Es war das erste Mal, dass die ISU sich im Laufe des Verfahrens mit einer Presseerklärung an die Öffentlichkeit wandte. Sie begleitete zeitlich die Stellungnahme, die der Verband als Antwort auf meinen Revisionsantrag beim Schweizer Bundesgericht eingereicht hat. Da die ISU in dieser Presseinfo einräumen musste, dass selbst der von ihr neu ins Verfahren eingeführte Hämatologe, Prof. Alberto Zanella, die Diagnose einer Blutanomalie bei mir bestätigt hat, griff die ISU in ihrem Statement auf mehrere Thesen zurück, die als Indizien für ein Dopingvergehen meinerseits herhalten sollen. Dabei handelt es sich um längst widerlegte Behauptungen, die sich aber dennoch als hartnäckige Legenden durchs Verfahren ziehen.

Legende Nr. 1: Die Werte von Claudia Pechstein sind immer bei wichtigen Wettkämpfen erhöht.

Um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu erkennen, muss man nur die folgende Grafik betrachten:

Fazit: Ganz gleich ob Kontrollen außerhalb der Wettkämpfe, während Weltcups / Europameisterschaften oder während der Saisonhöhepunkte (2 x jährlich WM und natürlich Olympia): Der prozentuale Anteil von Blutproben mit erhöhten Retikulozyten liegt in allen drei Phasen auf dem gleichen Niveau. Es sollte ein Gebot der Fairness sein, mir nicht zum Vorwurf zu machen, dass ich außerhalb der Wettkämpfe seltener getestet wurde als im Rahmen von Weltcups, WM, EM und Olympischen Spielen.

Legende Nr 2: Claudia Pechstein hat erstaunlicherweise im Jahr 2009 den EM-Titel durch unerwartet herausragende Leistungen gewonnen, nach dem Sie 2007 und 2008 lediglich fünfte und vierte geworden war.

Auch zu diesem Thema habe ich eine Grafik erstellen lassen. Enthalten sind die Ergebnisse (umso niedriger die Punktzahl, desto besser!) der fünf erfolgreichsten Athletinnen, die an allen drei Europameisterschaften teilgenommen haben, im Vergleich. Zwei Fakten möchte ich hier gesondert erwähnen: Bei meinem EM-Gewinn 2009 habe ich mein Ergebnis zum Vorjahr (Platz 4) sogar ein wenig verschlechtert und es reichte trotzdem zum Titelgewinn. Möchte die ISU mir tatsächlich zum Vorwurf machen, dass die anderen langsamer waren als im Jahr zuvor? Und noch eines: Die EM 2007 war als einzige dieser drei Titelkämpfe ein Open-Air-Event, bei dem die Leistungen auch von den ab und an wechselnden äußeren Bedingungen abhängig sind!

Ich erlaube mir zu diesem Thema auch noch eine grundlegende Aussage: Einen Manipulationsverdacht daran ableiten zu wollen, dass man in „hohem Alter“ noch Weltklasseleistungen erbringt, ist in meinen Augen unverschämt und einfach nur boshaft. Clara Hughes z.B. ist der gleiche Jahrgang wie ich und holte sich in Vancouver über 5.000 m mit einer Zeit unter 7 Minuten die olympische Bronzemedaille. Hat die ISU sie jetzt auch auf dem Kieker? Vielleicht sollte der Verband am besten gleich ein Höchstalter einführen, das es noch erlaubt, Spitzenleistungen zu erbringen, ohne unter Dopingverdacht zu geraten. Wie wäre es mit 35 Jahren? Oder 34? Oder ist man als Spitzenathlet vielleicht auch schon mit 32 verdächtig? Diese Argumentation der ISU ist so dreist, dass sich einem die Nackenhaare sträuben. Im Anti-Dopingkampf ist nicht jung oder alt entscheidend! Auch nicht schnell oder langsam! Sondern lediglich sauber oder gedopt! Und wenn man keine Beweise für eine Manipulation hat, sollte man lieber den Mund halten und nicht den Fair-Play-Gedanken mit Füßen treten.

Legende Nr 3: Claudia Pechstein hat in den „Whereabouts“ ihren Aufenthaltsort so oft kurzfristig verändert, dass die ISU nicht in der Lage war, sie im verdächtigen Zeitraum (Januar/Februar 2009) zu testen.

Bereits in meinem Update vom 27. November 2009 habe ich zu diesem Blödsinn ausführlich Stellung genommen. Gerne fasse ich die wichtigsten Dinge hier noch einmal kurz zusammen. In beiden Monaten (siehe unten stehende Originalbelege) habe ich insgesamt ganze zweimal meinen Aufenthaltsort kurzfristig verändert. Man erkennt dies am Kürzel MT (modified today). Das eine Mal war nach dem Gewinn meines EM-Titels 2009. Da habe ich mich entschieden, an der abendlichen Siegergala teilzunehmen und bin so erst einen Tag später von Heerenveen zurückgereist. Das andere Mal war es der 2. Tag während der WM in Hamar 2009. Als ich nicht mehr starten konnte, bin ich umgehend abgereist, anstatt noch im Hamar zu verweilen. Anschließend habe ich übrigens 11 Tage lang kaum mein Haus verlassen, weil die ISU eine schnelle Nachkontrolle in Aussicht gestellt hatte. Mit dem Hinweis, wenn sich meine Werte dann wieder normalisiert hätten, dürfte ich schon beim nächsten Rennen wieder starten. Von schneller Nachkontrolle konnte dann aber keine Rede sein. 11 (!) Tage Warten in einer solchen Situation sind der reinste Psychoterror.




Fazit: Ich habe mich während des von der ISU ins Gespräch gebrachten Zeitraums lediglich an meinem Wohnort oder an den Wettkampstätten Erfurt, Heerenveen und Hamar aufgehalten. Warum soll es der ISU also nicht möglich gewesen sein, mich zu testen? Ich habe mich immer an sämtliche Regeln des Verbandes gehalten, mich stets ordnungsgemäß an- und abgemeldet. Wer etwas anderes behauptet, sagt schlichtweg nicht die Wahrheit!

Legende Nr. 4 (die seit jüngstem kursiert) Die bei Claudia Pechstein diagnostizierte milde Form der Blutanomalie kann die erhöhten Retikulozyten nicht erklären.

An dieser Stelle ist es völlig ausreichend den Hämatolgen Prof. Alberto Zanella zu zitieren. Der Hämatologe aus Italien ist von der ISU (!) als neuer Gutachter in das Revisionsverfahren eingeführt worden. Er hält am Ende seines Gutachtens vom 28. April 2010 wie folgt fest:

„Zusammenfassend denken wir, dass die Fluktuation der Retikulozyten-Zahlen, die
bei Claudia Pechstein gefunden wurden, durch das Vorhandensein einer erblichen Membranopathie gerechtfertigt werden kann. Da selbst bei milden Formen der Hämolyse die Erythropoese im Allgemeinen angeregt ist, kann eine extreme körperliche Belastung, die sonst ohne Auswirkungen auf das Knochenmark bleibt, die Variabilität der hämatologischen Parameter verstärken.“

Nicht anderes haben meine Gutachter auch schon während des CAS-Verfahrens dargelegt. Jetzt hat es auch noch der eigene, neu hinzugezogene ISU-Gutachter bestätigt. Er ist demnach der 2. ISU-Gutachter, der den Dopingvorwurf gegen mich entkräftet. Der erste war Dr. Pierre Eduoard Sottas, der in einem Interview mit der Neuen Züricher Zeitung dargelegt hat, er habe die ISU schon im Laufe des Verfahrens darauf hingewiesen, dass er eine medizinische Erklärung für meine erhöhte Retikulozyten für wesentlich wahrscheinlicher als Doping hält.
Was der NZZ-Journalisten Remo Geisser anschließend wie folgt kommentierte:

Der ISU gehen seit geraumer Zeit also die Gutachter entweder von der Fahne oder bestätigen bei mir die Diagnose einer vererbten Blutanomalie. Dennoch ist der Weltverband nicht bereit, freiwillig einer Wiederaufnahme des Verfahrens zuzustimmen. Warum wohl nicht?

In diesem Sinne,
bleibt mir gewogen,

Eure Claudia

Letzte Aktualisierung:
25.11.2009

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