Update: 8. Juni 2010
Dürfen Funktionäre tatsächlich
nur beobachten und nicht handeln?
Es gibt Tage im Leben, die beflügeln einen unglaublich. Gestern war mal wieder so ein Tag. Die Liste der „Top 100 für Gerechtigkeit im Fall Claudia Pechstein“ hat mich wirklich überwältigt. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich so viele Spitzensportler an den DOSB-Präsidenten Dr. Thomas Bach richten, um von ihm zu fordern, er solle sich für die Wiederaufnahme meines Verfahren einsetzen. Vor jeder einzelnen Unterschrift unter dieses Schreiben habe ich enormen Respekt.
Leid
er geht mir dieser vor Dr. Thomas Bach immer mehr verloren. Es ist aus meiner Sicht nicht gerade ein Zeichen von Stärke, wenn er sich zu der Forderung der „Top 100“ nicht einmal persönlich äußert, sondern über seinen Sprecher eine allgemeine Stellungnahme aus Sicht des DOSB an die Medien weiterreicht. Wenn in dieser Stellungnahme dann noch eine falsche Behauptung aufgestellt wird, um ein angebliches Befremden auszudrücken, kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Denn der DOSB hat gestern sein Befremden darüber zum Ausdruck gebracht, dass es einen mit meinen Anwalt vereinbarten Termin gegeben habe, zudem ich nicht zur Verfügung gestanden hätte.
Diese Darstellung des DOSB ist nicht korrekt. Es gab keinen vereinbarten Termin. Mehr als einen Email-Austausch über einen möglichen Termin hat es nicht gegeben. Nach dem DOSB-Statement des gestrigen Tages macht es aus meiner Sicht vorerst auch wenig Sinn, ein weiteres Gespräch zu führen. Bislang hat mich keines meiner Telefonate oder Gespräche mit den DOSB-Größen Dr. Bach und Dr. Vesper oder mit Vertretern der NADA auch nur einen Zentimeter weiter gebracht. Mehr als warme Worte hat es nicht gegeben. Und diese auch nur intern, gegenüber der Öffentlichkeit hörte sich das oft ganz anders an. Erst wenn Herr Dr. Bach der Aufforderung der vielen Olympiasieger, Welt- und Europameister aus unserem Land mit der notwendigen Ernsthaftigkeit begegnet ist, werde ich wieder für ein Gespräch zur Verfügung stehen. Die Unterschriften von Persönlichkeiten wie z.B. André Lange, Dieter Thoma, Jens Weißflog, Sven Fischer oder dem Persönlichen DOSB-Mitglied Uschi Disl als PR-Aktion abzuwerten, ist beschämend und zeigt, wie weit sich unsere Spitzenfunktionäre mittlerweile von den Athleten entfernt haben.
Niemand der „Top 100“ verlangt von Dr. Bach (wie es leider in Teilen der Medien und auch vom DOSB dargestellt bzw. interpretiert wurde), dass er sich in das laufende Revisionsverfahren vor dem Schweizer Bundesgericht einmischen soll. Um dies klar zu stellen, zitiere ich die entscheidende Passage aus dem Brief:
Da es beim CAS keine zweite juristische Instanz gibt, fordern wir Sie auf, in Gesprächen mit den Verantwortlichen der ISU, der World Anti-Doping Agency (WADA) und des CAS einen Weg zu finden, der die Wiederaufnahme des Verfahrens ermöglicht.
Denn es gibt neben dem Revisionsverfahren ja auch noch eine andere Möglichkeit eine zweite Verhandlung vor dem CAS zu erreichen. Und zwar die, dass sich beide Seiten (also die ISU und ich) darauf verständigen, ein zweites Mal zu verhandeln. Bislang hat der DOSB noch keine klare Auskunft erteilt, warum er die aufgezeigte Möglichkeit nicht forcieren möchte. Dürfen Spitzenfunktionäre in einem solchen Verfahren tatsächlich nur beobachten aber nicht handeln? Die vom DOSB zitierte demokratische, richterliche Unabhängigkeit verbietet es Dr. Bach doch nicht, den ISU-Präsidenten Ottavio Cinquanta um ein Gespräch zu bitten. Dessen italienischer Landsmann, der Hämatologe Prof. Alberto Zanella hat als neu ins Verfahren eingebrachter Gutachter der ISU (!) mittlerweile bestätigt, dass die bei mir diagnostizierte Blutanomalie meine erhöhten Werte erklären kann. Trotzdem lenkt die ISU nicht ein. Warum nicht?
Noch einmal ganz deutlich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Gesetz in der Sportgerichtsbarkeit gibt, das Herrn Dr. Bach untersagt, mit Herrn Cinquanta dessen mögliche Zustimmung für die Wiederaufnahme des Verfahrens zu erörtern. Oder wie wäre es mit einem Gespräch zwischen Herrn Dr. Bach und den Verantwortlichen der WADA? Auch dem DOSB-Chef wird nicht entgangen sein, dass es von Seiten der Welt-Anti-Doping-Agentur bislang kein Lob für das CAS-Urteil gegen mich gegeben hat. Im Gegenteil: Es gibt klare, Signale, dass man bei der WADA wenig Verständnis für das Vorgehen der ISU hat.
Warum versucht Dr. Bach nicht gegebenenfalls mit der WADA gemeinsam, bei der ISU um die Wiederaufnahme des Verfahrens zu ersuchen? Im Sinne der Gerechtigkeit, des Fair Plays im Sport! Und auch im Sinne des Anti-Dopingkampfes.
Solche Gespräche zwischen Dr. Bach und der ISU oder zwischen Dr. Bach und der WADA haben die deutschen Olympiasieger, Welt- und Europameister von ihrem Vorsitzenden gefordert. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Und bislang ist der wichtigste Sportfunktionär unseres Landes eine persönliche Antwort schuldig geblieben. Aber noch hat er ja die Zeit, sich selbst zu erklären. Diesen Respekt sollte er der Forderung der Athleten, Politiker, Juristen, Künstler und Mediziner, die den Brief unterzeichnet haben, entgegen bringen.
Niemand weiß, ob die aufgezeigten Gespräche das Ergebnis bringen würden, für das sich die „Top 100“ persönlich mit Ihrer Unterschrift eingesetzt haben. Und das sich niemand so sehr wünscht wie ich. Aber einen Versuch sollte es allemal wert sein.
Jeder, der die gleiche Meinung vertritt, kann sich den „Top 100“ anschließen und ebenfalls seine Unterschrift leisten. Mein Sponsor, die Unternehmensgruppe Matthias Große, hat sich zum Ziel gesetzt insgesamt 100.000 Unterschriften zu sammeln. Weitere Infos gibt’s unter www.meineunterschrift.com
Schon jetzt möchte ich mich bei Matthias Große bedanken, der diese Volksinitiative ins Leben gerufen hat. Mein Dank gilt zudem jedem, der mit seiner Unterschrift Gerechtigkeit in meinem Fall einfordert. Das gilt für die Persönlichkeiten auf der Liste der „Top 100“ genau so wie für jeden, der sich darüber hinaus an der Aktion beteiligt hat oder noch beteiligen wird.
In diesem Sinne,
bleibt mir gewogen
Eure Claudia
