Update: 10. März 2010
Erhöhte Retikulozytenwerte und die Folgen:
Steckt die NADA im Anti-Dopingsumpf?
Die Ereignisse und die Berichterstattung der vergangenen Tage musste ich erst einmal ein wenig sacken lassen. Hausdurchsuchung durch das BKA, stundenlanges Verhör auf der Polizeiwache und zum Abschluss des Tages noch eine Dopingkontrolle: Solche Tage, wie den 4. März 2010, erlebt man zum Glück (wahrscheinlich) nur einmal im Leben.
Wenn man weiß, dass man unschuldig gesperrt und verurteilt wurde, kann man nur staunend zusehen, mit welchem Aufwand versucht wird, Hintermänner zu finden, die es gar nicht geben kann. 21 Durchsuchungen mit mehr als 100 Beamten im Einsatz! Was das wohl kosten mag? Anstatt Unmengen von Geldern für solche Einsätze aus dem Fenster zu werfen, hätte die Staatsanwaltschaft lieber erst einmal ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag geben sollen. Dann hätten ihr führende Hämatologen darlegen können, worüber sich mittlerweile alle ernsthaften Dopingjäger einig sind: Anhand eines abweichenden Blutparameters namens Retikulozyten kann man keinen Dopingnachweis führen. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass in den seit dem 1. Dezember 2009 gültigen WADA-Guidelines die Betrachtung von zehn Parametern bindend ist.
Wie in den Medien ausführlich berichtet, gibt es laut BKA-Informationen zwei weitere deutsche Athleten mit erhöhten Retikulozyten. Das scheint Fakt zu sein. Was aber keineswegs gleichzeitig bedeutet wie mehrfach unterstellt wurde , es gäbe im deutschen Eisschnelllaufen zwei weitere Athletinnen, die des Dopings verdächtigt werden. Die DESG hat zu Recht darauf verwiesen, dass ihr bis heute offiziell keine erhöhten Werte gemeldet bzw. vorgelegt wurden.
Stellen Sie sich jetzt auch die Frage, wie das damit zusammenpasst, dass ich einzig und allein aufgrund solcher erhöhten Retikulozytenwerte gesperrt wurde?
Die naheliegende Antwort wäre eigentlich: „Das passt nicht zusammen“.
Doch aus meiner Sicht gibt es durchaus eine logische Erklärung dafür. Um sich dieser zu nähern, muss man lediglich alle vorliegenden Informationen ordnen und richtig interpretieren.
Harm Kuipers von der ISU hat auf Anfrage gegenüber dem Sportinformationsdienst (sid) dargelegt, dass er nichts von weiteren deutschen Athleten mit erhöhten Retikulozytenwerten wisse. Von daher liegt der Rückschluss nahe, dass es sich bei den entsprechenden Proben um Kontrollen handelt, die von der NADA, also der Nationalen Anti Doping Agentur, durchgeführt wurden. Wenn man jetzt davon ausgeht, dass die deutschen Dopingfahnder sehr gewissenhaft vorgehen und sämtliche Blutparameter der betroffenen Athletinnen ausgewertet haben, sind sie womöglich zu dem Ergebnis gekommen, dass aufgrund der anderen Blutparameter eine Manipulation sehr unwahrscheinlich ist. Folgerichtig haben sie kein Verfahren eröffnet und die Läuferinnen gelten auch nicht als Dopingverdächtige. So weit, so gut.
Eigentlich gäbe es an dieser Vorgehensweise nichts auszusetzen. Wenn da nicht das in meinen Augen unverantwortliche Bekanntwerden der Daten und Namen im Zuge der BKA-Ermittlungen gewesen wäre. Und wenn da nicht das Verhalten der NADA-Verantwortlichen in meinem „Fall“ gewesen wäre. Denn wenn unsere Dopingfahnder bei den anderen zwei deutschen Athleten mit erhöhten Retis zu der Erkenntnis gekommen sind, dies seien keine Dopingfälle, wie konnten sie dann in der Beurteilung meines Falles zu einem anderen Ergebnis kommen? Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass die Kontrollen bei den anderen Athleten erst durchgeführt wurden, als die NADA bereits Kenntnis von meinem Fall hatte.
Damit jeder weiß, wovon ich rede, möchte ich hier nochmals die Aussagen von drei der wichtigsten NADA-Repräsentanten in Erinnerung bringen.
- Armin Baumert, Vorstandsvorsitzender der NADA, wurde am 6. Juli 2009 von Focus online wie folgt zitiert:
„Es war keine Nachwuchsathletin, die da in eine Falle getappt ist, es war eine 37-jährige Profiläuferin. Der Fall muss ohne Tränen und Mitleid abgehakt werden.“
Drei Tage später, am 9. Juli 2009, erklärte er in einem Interview mit dem sid:
„Die ISU hat alle Dinge berücksichtigt, die man berücksichtigen muss, um den Dopingkampf weiterzuführen. Das ist der erste große Schritt, der gemacht wurde, seit der neue WADA-Code die Grundlage für Indizienprozesse gestärkt hat.“
- Anja Berninger, Juristin der Nationalen Anti-Doping-Agentur, wurde im Kölner Stadtanzeiger (online-Ausgabe vom 6. August 2009) zitiert, die ISU habe „mit hinreichender Sicherheit“ einen Dopingverstoß nachgewiesen.
- Dr. Göttrik Wewer, NADA-Geschäftsführer, erklärte am 25. November 2009, also am Tag des CAS-Urteils, in einer Pressemitteilung der NADA: „Die Entscheidung bringt für alle Beteiligten eine größere Sicherheit, welche Kriterien erfüllt sein müssen, wenn der indirekte Nachweis eines Verstoßes gegen Anti-Doping-Regelungen gelingen soll.“ Des Weiteren heißt es in der Pressemitteilung: „Das Urteil macht zudem deutlich, dass der indirekte Nachweis, wie ihn die ISU in diesem Fall geführt hat, rechtlich absolut zulässig ist. “
Wenn ich diese Zeilen noch einmal lese, krampft sich mein Magen zusammen.
Warum bin ich als Profiläuferin in eine Falle getappt, wenn Nachwuchsathletinnen mit vergleichbaren Werten als ungedopt gelten, Herr Baumert?
Warum hat die ISU mit „hinreichender Sicherheit“ bei mir einen Dopingverstoß nachgewiesen, wenn die NADA bei ähnlich gelagerten Retiwerten in anderen Fällen kein Dopingvergehen sieht, Frau Berninger?
Warum ist der indirekte Beweis, wie ihn die ISU gegen mich geführt hat, absolut zulässig, wenn die NADA darauf verzichtet, ihn anzuwenden, Herr Wewer?
Ich habe es schon einmal betont und möchte dies auch jetzt wiederholen: Ich mache der NADA nicht den Vorwurf, auf Verfahren gegen andere Athletinnen mit erhöhten Retiwerten verzichtet zu haben. Im Gegenteil: Wenn sich in Anbetracht aller Blutparameter kein Dopingprofil ergibt, dann ist dies die einzig richtige Entscheidung!
Was ich aber aufs Schärfste kritisieren muss, ist, dass intern richtig gehandelt, in der Außendarstellung aber wider besseren Wissens falsch argumentiert wird. Es ist skandalös, wenn man intern erkannt hat, dass anhand der Retis allein kein Dopingnachweis geführt werden kann und in der Außendarstellung meine Sperre als erster großer Schritt für die Stärkung des Indizienprozesses gefeiert wird. Statt das Urteil zu begrüßen, hätten die NADA-Verantwortlichen deutlich machen müssen, dass nach ihren eigenen Erkenntnissen andere Kriterien für die indirekte Beweisführung angesetzt werden müssen. Doch darauf warte ich bis heute leider vergeblich.
Wenn dieses Verhalten der Maßstab für Spitzenfunktionäre des Antidopingkampfs ist, wundert mich nichts mehr. In meinem „Fall“ geht es wohl längst nur noch um Sportpolitik und nicht um die Wahrheitsfindung! Der von mir bereits erwähnte Anti-Dopingsumpf lässt grüßen und auch die NADA scheint mittendrin zu stecken.
Ich bin gespannt, ob es überhaupt noch einen einzigen Funktionär gibt, der die Courage hat, einzugestehen, dass in meinem Fall ein verhängnisvoller Fehler begangen wurde?!
In diesem Sinne,
bleibt mir gewogen
Eure Claudia

PS: Ich möchte mich erneut für die zahlreichen Mutmacher und das rege Interesse an den Infos auf meiner Webseite bedanken. Alleine am 4. März konnte ich 560.473 Besucher (neue Bestmarke) begrüßen, die sich hier aus erster Hand über meinen „BKA-Besuch“ informieren wollten.