oceanspray

Update: 30. November 2009

Welche Rückschlüsse läßt ein Urteil zu,
das von vorne bis hinten schlüssig klingt?

Es ist in Zeitungen und im Internet zu lesen, im TV zu sehen oder im Radio zu hören. Auch mein Manager, mein Anwalt oder ich spüren es in zahlreichen Diskussionen: Das CAS-Urteil gegen mich liest sich schlüssig. Wer sich mit dem Fall nicht näher beschäftigt hat, bzw. nicht selbst Teil der Verhandlung war (was auf die meisten zutrifft), kann wohl sogar zu dem gleichen Fazit wie Martin Nolte, Vorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) für Rechtsfragen kommen, der dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ gegenüber erklärte:
„Die Urteilsbegründung ist wasserdicht, kein staatliches Gericht hätte es vermutlich besser gemacht.“

Doch genau diese Geradlinigkeit des Urteils, diese wasserdichte Art, sollte jeden wachsam werden lassen. Ganz gleich ob Jurist, Journalist, Wissenschaftler, Experte oder Sportfan:
Wie kann es sein, dass bei den ganzen Ungereimtheiten, die im Vorfeld der Verhandlung aufgetaucht sind, ein Urteil ohne Ecken und Kanten herauskommt?

Wie ist ein „wasserdichtes Urteil“ möglich,

  • wenn der CAS sein Urteil lediglich auf die erhöhten Retikulozytenwerte der WM in Hamar (Februar 2009) stützt, die ISU mich in der ersten Anklage allerdings von 2000 bis 2009 des Dopings beschuldigt hatte?
  • wenn nicht einmal die ISU in ihrem Urteil von Anfang Juli zu dem Ergebnis gekommen ist, es sei der Beweis für ein Dopingvergehen erbracht? Damals wurde ich nämlich verurteilt, weil ich den Nachweis einer Blutanomalie nicht erbringen konnte.
  • wenn der CAS sich im Verfahren mit Bewertungen von renommierten Anti-Dopingexperten (Prof. Rasmus Damsgaard und Prof. Walter Schmidt) auseinander setzen musste, die berechtigte Zweifel an meiner Schuld aufwerfen?
  • wenn einer der angesehensten Hämatologen Europas, Prof. Hermann Heimpel, deutliche Hinweise auf eine leichte Hämolyse als Ursache für meine erhöhten Retikulozyten gefunden hat?
  • wenn einer der weltweit führenden Experten in der Epogenforschung, Prof. Christoph Dame, zudem zwei Varianten meines Epogens diagnostiziert hat, die weltweit das erste Mal gemeinsam bei einem Menschen festgestellt wurden und in dieser Kombination ebenfalls Ursache für die erhöhten Werte sein könnten?
  • wenn die verschiedenen Messsysteme (Advia vs. Sysmex) völlig unterschiedliche Retikulozytenwerte von mir ermittelt haben?
  • wenn eine vom größten, unabhängigen Labor Berlins durchgeführte Studie zeigt, dass meine Retikulozyten nach starker körperlicher Belastung zum Teil erheblich ansteigen?
    wenn einer der weltweit anerkanntesten Physiologen im Bereich der Epoforschung, Prof.
  • Wolfgang Jelkmann in meinem Originalbefund von Hamar fünf Werte gefunden hat, welche mit der mir unterstellten Epogabe nicht zu vereinbaren sind?
  • wenn die ISU im Verfahren keine vollständigen Kalibrierungs- bzw. Messprotokolle der erhöhten Messwerte vorlegen konnte?
  • wenn einer der zwei Hauptgutachter der ISU (Dr. Sottas) der CAS-Verhandlung in Lausanne fernbleibt, obwohl er in Lausanne wohnt und arbeitet?

Die Antwort auf diese Fragen ist relativ einfach: Ein „wasserdichtes Urteil“ ist trotzdem möglich, wenn man diese Befunde und Erkenntnisse in der Urteilsbegründung entweder völlig unberücksichtigt läßt, sie halbwahr wiedergibt oder ihnen eine bestenfalls nebensächliche Bedeutung beimißt. Und wenn man als Richter selbst Wissenschaftler spielt, mit dem Ergebnis, dass Gutachter und Professoren wie Jelkmann, Heimpel, Daamsgard, Schmidt und Dame nicht wissen, wovon sie reden, dagegen der letzte verbliebene Hauptgutachter der Gegenseite, Prof. d’Onofrio als Übervater der Dopingforschung gepriesen wird.

Merke: Ein Urteil, das in solch einem – auch von der Wissenschaft - höchst umstrittenen Kontext wie den Retikulozyten (als einziges Indiz für den Dopingnachweis) nicht den geringsten Restzweifel zuläßt, sollte zum Nachdenken anregen ...

Vor allem dann, wenn man einen Text der gestrigen Ausgabe der „Welt am Sonntag“ berücksichtigt. Unter der Überschrift „Zweifel an Pechsteins Schuld“ heißt es unter anderem:

Damals sind im norwegischen Hamar nicht nur die Retikulozyten - die jungen roten Blutkörperchen, die bei Pechstein vermehrt auftraten - gemessen worden, sondern auch weitere Blutparameter. „Die Zellstrukturen, die dabei festgestellt worden sind, passen nicht zu einer Epo-Stimulation“, sagt Dr. Klaus Pöttgen.
Dem Darmstädter Antidopingexperten lagen die Daten vor, ebenso anderen auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftlern. Ein Dopingbeweis lasse sich mit den Werten nicht führen. „Das wissen wir alle“, sagt Pöttgen und meint damit die Gutachter Prof. Walter Schmidt und Rasmus Damsgaard sowie Prof. Wilhelm Schänzer, der bereits öffentlich Zweifel äußerte. Bei einem Abgleich mit dem Blutpass des Radsportverbands wäre wohl kein Verfahren eröffnet worden.
Alle anderen Hamar-Parameter liegen bei Pechstein im Normalbereich. Hätte die Athletin unerlaubte Substanzen zugeführt, hätte sich ein anderes Bild ergeben müssen. „Grundlegende wissenschaftliche Parameter sind hier außer Acht gelassen worden“, sagt Pöttgen. Er ist der Meinung, dass auch Experten wie Fritz Sörgel oder Werner Franke zu diesem Schluss kämen und zweifeln würden, wenn ihnen die Daten vollständig bekannt wären.

In diesem Sinne: Bleibt mir gewogen,

Eure Claudia

PS: Es bleibt dabei: Vielen Dank für die unglaublich vielen Mutmacher-Mails. Keine Ahnung, ob ich ohne Eure Unterstützung die Kraft hätte, das alles durchzustehen...

Letzte Aktualisierung:
25.11.2009

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