Ich bin das Versuchskaninchen
für die indirekte Beweisführung!
Liebe Eisschnelllaufreunde,
beim Weltcupauftakt in Berlin durfte ich nicht antreten, war zum Zuschauen verurteilt. Das hat geschmerzt. Sehr sogar. Niemand kann sich vorstellen, wie es im Moment in mir aussieht. Es ist eine Mischung aus Frust, Ohnmacht und Wut. Scheinbar darf jeder über mich herziehen und mich öffentlich denunzieren, nur weil in meinem Körper ein Blutwert höher ist als bei anderen. Deshalb möchte ich hier einmal deutlich klar stellen: Erhöhte Retikulozyten allein sind kein Beweis für Doping. Während der Cas-Verhandlung haben die Richter den ersten Entwurf für die Handhabung des neuen Wada-Codes vorgelegt. Da steht drin, dass ein Blutparamater allein nicht ausreichend ist, um einen Dopingnachweis zu führen. Deshalb habe ich fest damit gerechnet, am vergangenen Donnerstag meinen Freispruch zu bekommen. Dass das Urteil dann kurzfristig verschoben wurde, war ein Schock für mich. Im ersten Moment habe ich gedacht, das war’s. Doch vielleicht fehlt den Richtern einfach das Mitgefühl, wie es ist, als Betroffener auf ein Urteil hinzufiebern um dann plötzlich, am Abend zuvor, zu erfahren: April, April, es dauert doch noch zwei Wochen. Das ist unmenschlich!
Mittlerweile ist mir klar, dass am Ende meines Verfahrens nicht allein ein sportjuristisches, sondern wohl auch auch ein sportpolitisches Urteil stehen wird. Ich habe das Pech, das Versuchskaninchen für die indirekte Beweisführung zu sein. Deshalb wollen die Richter ihr Urteil offenbar sehr sorgfältig begründen, was ich ihnen nicht zum Vorwurf machen kann. Dennoch bleiben auch kritische Fragen. Ich habe mit in der Cas-Verhandlung gesessen, habe selbst gehört, dass es noch 12 weitere ISU-Athleten mit Retikulozytenwerten über drei Prozent gibt. Warum bin ich die einzige, die als Aussätzige am Nasenring durch die Arena gezogen wird? Selbst die Richter haben die Frage gestellt, warum sitzt nur Frau Pechstein hier und wo sind die anderen 12 Athleten? Eine plausible Antwort haben sie nicht erhalten. Und auch ich werde mich nicht an Spekulationen beteiligen. Das überlasse ich lieber anderen.
Ich halte mich an Fakten. Und Fakt ist, dass der ISU-Arzt Kuipers bereits seit zehn Jahren von meinen schwankenden Werten weiß und mir kein Sterbenswörtchen davon gesagt hat. Einem anderen der 12 betroffenen Athleten hat er dagegen die Möglichkeit eingeräumt, ein Blutanomalie-Attest vorzulegen; was übrigens nur durch einen Versprecher während der Verhandlung herauskam. Dieses Attest würde ich übrigens gerne mal sehen. Denn die Hämolyse, die nach meiner Sperre von einem der angesehensten Hämatologen Deutschlands bei mir festgestellt wurde, findet von der ISU keine Anerkennung.
Was mit mir gemacht wird, ist unfassbar. Ich werde aus dem Verkehr gezogen, während jemand anders seine Werte im Vorfeld einer möglichen Anklage medizinisch erklären darf. Gleichbehandlung sieht anders aus. Und ich bin nicht mehr bereit, dies einfach so hinzunehmen. Deshalb habe ich in der Bild am Sonntag (Ausgabe vom 8. 11.) auch dargelegt, dass es in der ISU-Datenbank insgesamt mehr als 500 Werte gibt, die außerhalb des so genannten Normbereiches (0,65 bis 2,4 Prozent) liegen. Davon gehören gerade mal 14 mir. Doch ich bin plötzlich der, auf den alle mit dem Finger zeigen. Wer sagt denn, dass die Athleten, die jetzt am lautesten schreien, nicht selbst dazu gehören? Darüber sollte jeder nachdenken, bevor er den Mund aufmacht. Soll die ISU doch Bitteschön alle Namen offen legen, dann können wir uns gerne weiter unterhalten.
Denn es ist doch ein weiterer Fakt, dass nicht alle Athleten mit Retikulozyten außerhalb dieses Wertebereiches Doper sind. Im Cas-Verfahren wurden Werte von einer Skiläuferin aus der absoluten Weltklasse angesprochen, die vergleichbar sind mit meinen. Und diese Athletin gilt bei der Internationalen Ski Federation (FIS) nachweislich als ungedopt! Und zwar auch ohne Nachweis einer Blutanomalie. Habe ich also nur das Pech, über die Eisbahn statt durch die Loipen zu flitzen? Ich glaube, die ISU will an mir ein Exempel statuieren. Doch da haben sie sich die Falsche ausgesucht. Wenn die Sperre nicht aufgehoben wird, ziehe ich vor ein Zivilgericht. Da bin ich mal gespannt, ob die Umkehr der Beweislast dann immer noch gilt. Muss jemand beweisen, dass er kein Einbrecher ist, nur weil er ein Brecheisen im Keller liegen hat? Es ist schlimm, das sagen zu müssen: Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, jeder Verbrecher hat mehr Rechte als ich.
Allein das Verfahren vor dem so genannten ISU-Schiedsgericht hat mein Vertrauen in Sportgerichte empfindlich getrübt. Schon nach der Verhandlung Ende Juni habe ich fest mit einem Freispruch gerechnet. Denn damals wie heute gab bzw. gibt es keinen Beweis für meine Schuld. Und es kann auch keinen geben. Ich habe nie gedopt und bin unschuldig. So einfach ist das. Ich habe alle meine Werte offen gelegt. Die renommierten Professoren und Dopingexperten Damsgaard und Schmidt haben für den Cas-Termin akribische Gutachten erarbeitet. Einhelliges Ergebnis: Meine Werte rechtfertigen keinen zweifelsfreien Dopingnachweis! Doch die Gutachten wurden nicht zugelassen, weil die ISU gerügt hat, sie seien zu spät gekommen. Demgegenüber ist der Gutachter der ISU, Dr. Sottas, zur Verhandlung einfach nicht erschienen, und zwar ohne irgend eine Entschuldigung. Da muss ich mich doch fragen, ob es hier wirklich noch um die Wahrheitsfindung geht, oder lediglich darum, mich auf Teufel komm raus zu verurteilen?
Ich habe nie einen einzigen Dopingtest versäumt, bin rund 350 mal getestet worden, so häufig wie weltweit wohl keine zweite Athletin im vergangenen Jahrzehnt. Ich war immer sauber, deshalb war auch jeder Test negativ! Jetzt habe ich mich zudem auch für alle notwendigen, medizinischen Untersuchungen zur Verfügung gestellt. Dabei habe ich eine Menge Blut lassen müssen. Das alles ging weit über das normalerweise Zumutbare hinaus und hat viel Substanz gekostet. Mittlerweile haben Top-Ärzte und -Professoren Ursachen gefunden, die erklären, warum meine Werte auch auf natürlichem Weg ansteigen können. Den zweifelsfreien Beweis hierfür konnten sie noch nicht bringen. Dafür wären weitere, sehr zeitintensive Untersuchungen mit einem immensen Kostenaufwand nötig. Ein Wahnsinn, diesen Beweis von mir zu fordern. Zumal die ISU keinen Beweis für meine Schuld liefern kann. Das scheinen auch die oberschlauen Wissenschaftler zu vergessen, die keinen einzigen meiner medizinischen Befunde kennen und sich trotzdem per Ferndiagnose über die Untersuchungsergebnisse lustig machen. Das ist einfach nur peinlich. Ich finde es beschämend, dass versucht wird, sich auf meine Kosten zu profilieren. Und noch einmal: Ich muss nichts beweisen. Die ISU muss ihre ungeheuerliche Anschuldigung beweisen. Und das kann sie nicht! Von den ganzen Schlampereien mit meinen Proben und den dazugehörigen Messprotokollen ganz zu schweigen.
Ich bin weiter felsenfest davon überzeugt, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird. Von daher werde ich so lange weiter kämpfen, bis ich meinen Freispruch in der Tasche habe.
In diesem Sinne,
bleibt mir gewogen

Eure Claudia