oceanspray
12. Juli 2009

Bitte sorgfältige Recherchen und Berichte

Liebe Fans, liebe Eisschnelllauffreunde, liebe Dopinggegner,

Bis zu meiner bereits angekündigten aber noch nicht terminierten Pressekonferenz habe ich mir ja eigentlich selbst einen Informationsstopp auferlegt. Das gilt auch weiterhin - für neue Daten und Fakten, die wir zur Zeit zusammentragen. Wenn allerdings die Blutwerte meiner Dopingkontrollen (die ich selbst in der vergangenen Woche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht habe) falsch interpretiert werden, dann muss ich mich doch zur Wort melden. Den mit jeder Falschmeldung wird meine Reputation weiter zerstört, dass ist für mich ein unakzeptabler Zustand. Von daher möchte ich jeden Wissenschaftler, (so genannten) Dopingexperten, Funktionär und Journalisten zu sorgfältigen Recherchen und Stellungnahmen auffordern. Es ist unerträglich, dass ich auch zehn Tage nach Bekanntwerden der unberechtigen Sperre gegen mich noch Falschmeldungen über mich ergehen lassen muss!

Beispiel gefällig?

"Experten: Weitere erhöhte Blutwerte bei Pechstein
Berlin (dpa) - Im Fall der Doping-Sperre von Claudia Pechstein sind weitere auffällige Blutwerte bekanntgeworden. So soll Pechstein im März 2007 den Grenzwert des Hämoglobin-Werts überschritten habe. Das sagte der medizinische Direktor des Frankfurter Ironman- Triathlon, Klaus Pöttgen, der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung»."


Diese Meldung ist am Sonntag, 12. Juli rauf und runter im Internet gelaufen. Und auch im Videotext konnte man sie nicht übersehen. Viele Zeitungen werden sie einen Tag später sicherlich auch aufgreifen! Fakt ist allerdings: Der von der ISU festgelegte Hämoglobin-Grenzwert von 16,5 wurde bei dieser Messung am 1. März 2007 nicht überschritten. Er lag bei 16,1. Der Internet-Auftritt der FAZ hat diese Interviewpassage mittlerweile korrigiert. Doch sie hat sich zuvor rasant weiter verbreitet. Dies ist sicherlich nicht gerade förderlich für mein ohnehin schon ramponiertes Ansehen in der Öffentlichkeit. Ich möchte Klaus Pöttgen nicht einmal böse Absicht unterstellen, denn in seinen weiteren Statements werde ich keineswegs vorverurteilt. Im Gegenteil, er macht sich durchaus die Mühe, die Sinnhaftigkeit der erhöhten Retikulozytenwerte als Folge meiner angeblichen Dopingbemühungen zu hinterfragen. Zitat:

"Außerdem sind die extrem hohen Werte in Phasen von Weltcups und vor der WM ungewöhnlich. Hohe Werte erwarten wir eigentlich in einer Stimulationsphase durch Epo, also deutlich vor einem großen Wettkampf, während bei den Wettkämpfen eher hohe Hämoglobinwerte gewollt sind."

Mit meinen Worten ausgedrückt. Die ISU unterstellt mir seit dem Jahr 2000 Blutdoping und Klaus Pöttgen gibt durch die Blume zu verstehen, dass ich selbst sieben Jahre später noch nicht gewusst habe, wie es richtig funktioniert...

Da habe ich das Gefühl, dass Herr Pöttgen durchaus Zweifel an der Theorie der Pechstein-Jäger aufwerfen wollte. Doch leider hat er neben dieser Einschätzung den Bock mit der Hämoglobingrenze geschossen. Denn das diese bei der ISU 16,5 beträgt, ist ihm verborgen geblieben. Vielleicht hat er er den 16,0-Grenzwert anderer Verbände im Hinterkopf gehabt und diesen mit den ISU-Richtlinien gleichgesetzt. Das wäre zwar eine Erklärung, darf aber keine Entschuldigung sein. Denn so machen falsche Behauptungen ganz schnell die Runde und können nicht wieder eingefangen werden. Sehr zu meinem Leidwesen. Von daher möchte ich noch einmal festhalten: In sämtlichen mir entnommenen ISU-Proben gibt es lediglich eine einzige Messung (6. Februar 2004), die genau den Grenzwert von 16,5 erreicht. Drei Tage später (9. Februar 2004) lag der gemessene Wert allerdings bei 13,7. Wie soll ich in der Lage sein, das zu erklären, wenn es nicht einmal den Experten gelingt. Hier der Auszug eines Kommentars des Pharmakologen Fritz Sörgel für den Tagesspiegel (Ausgabe vom 12. Juli 2009):

"Die vom Pechstein-Team zur Verfügung gestellte Excel-Datei ihrer Blutwerte – ein guter und wichtiger Schritt – eröffnet alle Möglichkeiten des Kaffesatzlesens. Ich würde dabei auf Hämoglobinabfälle von fast drei Einheiten innerhalb von drei Tagen (vom 6. auf den 9. Februar 2004) hinweisen. Nachdem am 6. Februar 2004 ein hoher Wert von 16,5 gefunden wurde. Da von einem physiologischen Abfall zu sprechen, bei sonst konstanten Hämoglobin-Werten, fällt schwer. Zum gleichen Zeitpunkt gemessene Retikulozyten geben aber keinen Hinweis auf Eigenblutdoping. Und auf Epo-Doping schon gar nicht. Sind die Hämoglobinwerte also manipuliert worden, per Aderlass, Plasmaexpander oder Flüssigkeitszufuhr? Insgesamt müssen die von Frau Pechsteins Schuld Überzeugten zugestehen, dass die Daten dieser Excel-Datei nur durch ein perfektes System der Verschleierung zu erklären wären. Ein System, wie wir das bisher nicht gesehen haben."

Mit anderen Worten: Ich müsste über fast ein Jahrzehnt lang noch raffinierter und krimineller als sämtliche Dopingsünder des Radsports gewesen sein. Meine Frage: Wann setzt bei den "Pechstein-Jägern" endlich der gesunde Menschenverstand ein?

In diesem Sinne,
bleibt mir gewogen

Eure Claudia

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Letzte Aktualisierung:
25.11.2009

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